Vasalauf 2005– Erlebnisbericht
Ein Traum wurde Wirklichkeit
 

Um es vorweg zu sagen: Ich habe immer sehr gerne Sport getrieben. Sport ist nun einmal die schönste Nebensache der Welt. Seine Vielfalt lässt Antisportlern kaum Platz für eine plausible Erklärung, weshalb sie sich nicht sportlich betätigen. Es wäre müßig, hier alle positiven Seiten des Sports aufzuzählen. Tatsache ist, dass der Sport den Menschen positiv prägt. Wenn die Einstellung zum Sport stimmt, dann kann man – jeder für sich und auf seine Weise- aber auch mit Gleichgesinnten, viele schöne Stunden erleben und so manche persönlichen Erfolge erzielen. Das konnte ich, Jahrgang 1940, in meinem Leben oft und in diesem Jahr mit der Teilnahme am Vasalauf einmal mehr erfahren. Dabei sah es jahrelang so aus, als würde sich dieser sportliche Traum nie verwirklichen lassen.

Eine lange Vorgeschichte
 

In jungen Jahren habe ich Fußball gespielt, später kam Tennis hinzu und mit dem 30. Lebensjahr begann ich aktiv Laufsport zu betreiben. Schließlich landete ich bei der Marathonstrecke. Meine Bestzeit lag bei 2:40:44 Stunden und war nur durch einen hohen Trainingsaufwand (5 Einheiten pro Woche –ca. 130 km) zu erreichen. Durch eine berufliche Veränderung musste ich 1983 den Wettkampfsport an den Nagel hängen, hielt mich aber durch zweimaliges Laufen pro Woche und mit Tennisspielen fit.
In den Jahren zuvor hatte sich bei mir aber eine stille Liebe zu einer Sportart entwickelt, die in unserer Region total unbekannt war, nämlich zum Skilanglauf. Nur wenige Wochen Schnee im Jahr reichten aus, um im Heimatverein eine Skiabteilung zu gründen und einen Spurschlitten anzuschaffen. Der in den Folgejahren mangels Schnee nur sehr sporadische Einsatz dieses Gerätes änderte aber nichts daran, dass einige von uns Blut an dieser Sportart geleckt hatten. So fahren meine Ehefrau und ich seit 1983 mit sieben Ehepaaren alljährlich in der ersten März-Woche zum Skilanglauf nach Bodenmais im Bayrischen Wald.
Dort wurden dann in der abendlichen Erholungsphase bei Bärwurz und Bier Pläne geschmiedet. Selbstverständlich wollten wir Männer am Vasalauf teilnehmen, denn wir waren ja alle so gut und zu vorgerückter Stunde war uns keine Abfahrt zu steil und keine Sprungschanze zu hoch. Im Laufe der Jahre wurde es in unserer Runde immer ruhiger, die Sprungschanze wurde vergessen, die Abfahrten waren nicht mehr so risikoreich und auch der Vasalauf wurde in die Ferne verbannt.

Bei mir allerdings nicht.Ich habe dieses Ziel nie aufgegeben, ja, ich habe davon geträumt, eines Tages an diesem Ereignis aktiv teilzunehmen und ich hatte dafür konkrete Zeitvorstellungen. Nach meiner Pensionierung , wenn es denn die Gesundheit erlaubt, würde ich dieses Vorhaben angehen.
Die Vorbereitungen dafür begannen 2004. Im Märzurlaub im Bayrischen Wald habe ich mich getestet und an einem Tag eine 60-km Strecke zurückgelegt. Danach stand die Entscheidung fest: Im nächsten Jahr geht es nach Schweden. Die spannende Frage war nur, wie komme ich dahin und wer kann mir Hilfestellung bei den vielen offenen Fragen geben.

 
Vorbereitungen
 

Sofort nach meiner Rückkehr aus dem Urlaub ging ich auf Kontaktsuche. Ich wurde per Internet schnell fündig. Passend, als sei alles auf mich persönlich zugeschnitten, konnte ich lesen: Vasalauf – wer fährt mit?
Da gab es doch tatsächlich in Düsseldorf einen Verein, der wildfremden Menschen anbot, sie mit nach Schweden zu nehmen. Ein Anruf im Vereinsbüro , ein erstes Gespräch mit Björn Krause und die Entscheidung stand unumstößlich fest:

Ich mache mit!

In der Folgezeit gab es regelmäßige Kontakte zum Ski-Klub Düsseldorf, insbesondere mit Björn und seinem Vater Rainer und nicht zuletzt und sehr vertiefend über eMail mit Walter Kreutner, der mir in der Folgezeit wie eine Mutter ihrem Kleinkind alle Schritte abnahm. Er informierte mich über alle Einzelheiten, übernahm die Anmeldung, die Buchung des Fluges und der Pension und und und...
Erste persönliche Kontakte konnte ich bei einem Trainingswochenende in der Skihütte in Valbert, zu dem ich dankenswerterweise eingeladen wurde, knüpfen. Dort erfuhr ich viele Einzelheiten zum Lauf selbst und auch darüber, wie ich mich vorzubereiten hatte. Mir war schon bewusst, dass ich vom läuferischen her gute Voraussetzungen mitbringen würde. Das Lauftraining hatte ich schon seit Monaten gesteigert und sogar den Köln-Marathon mitgemacht. Björns Anregungen hinsichtlich der Stärkung meiner Schulter- und Armmuskulatur habe ich ernst genommen und danach sofort zweimal wöchentlich ein Fitnessstudio aufgesucht und zusätzlich zu Hause noch mit Bändern Kraft trainiert. Ich gebe zu, dass ich ehrgeizig bin und mir ein Zeitlimit von unter 10 Stunden gesetzt hatte. Von Nachteil war, dass ich, da ich ja noch nie an einer Skilanglaufveranstaltung teilgenommen hatte, keine gute Zeit nachweisen und so in der letzten Gruppe starten müsste. Dies könnte ich aber- so meine Düsseldorfer Freunde- ändern, wenn ich Anfang Februar am König-Ludwig-Lauf in Oberammergau teilnehmen und dort eine ansprechende Zeit erreichen würde. Gesagt- getan, ich meldete mich in Oberammergau an, deckte mich dort mit neuen Ski und diverser Laufbekleidung ein und schnupperte zum ersten Mal in meinem Leben Wettkampfluft. Die Teilnahme dort war schon ein tolles Erlebnis und, was meine Zeit anbetrifft, auch erfolgreich. Mir stellte sich die bange Frage, ob damit in Schweden etwas zu erreichen war .So allmählich wurde ich nervös und ich fieberte dem Ereignis entgegen. Die Zeit bis zum 6. März erschien mir noch sehr lang, aber sie rückte näher und näher.
Endlich war es soweit.

 
Anreise
 
Nachdem Walter uns tags zuvor nochmals ausführlich über den genauen Ablauf des Abenteuers informiert hatte, ging es am 3. März endlich los. Welche Spannung sich in der letzten Zeit bei mir aufgebaut hatte, spürte ich in dieser Nacht, in der an Schlaf nicht zu denken war. Schon eine Stunde vor der vereinbarten Zeit stand ich am Flugplatz Hahn. Das Ehepaar Schirra kam auch nicht viel später und –wie vereinbart- packten wir am Parkplatz unsere Ski zusammen und machten uns auf den Weg. Im Terminal lernten wir dann unsere weiteren Mitstreiter kennen (Walter und Jürgen Kreutner, Erhard Winter, Wilfried Milewski und Herbert Seidel). Von da an lief alles wie am Schnürchen. Walters Zeitplan war perfekt und wurde exakt eingehalten. Das traf sowohl auf den Flug als auch auf die Entgegennahme der Mietwagen, auf die Fahrt nach Mora mit der eingelegten Einkaufs- und Stärkungspause und auf den Bezug des Quartiers zu und trug ungemein zur inneren Beruhigung bei. Ebenso das Programm der nächsten beiden Tage, von dem das Abholen der Startnummern, das Erstellen eines Gruppenfotos, ein Museumsbesuch, die Teilnahme an der Eröffnungfeier, Training und Skiwachsen sowie Einkaufsbummel besonders zu erwähnen sind.
Einen regelrechten Motivationsschub gab es für mich, als Walter mich damit überraschte, dass ich in die Startreihe sieben vorgerückt war. Hilfreich war auch das von Björn durchgeführte Training auf der Wettkampfstrecke, wobei ich schon etwas erstaunt war, dass es auf den letzten Kilometern der Strecke doch noch einige kraftzehrende Steigungen gab. Dennoch hat mich nach diesem Training ein gutes Gefühl befallen. Der Schnee war hart und ich spürte, dass die Strecke schnell sein würde und konnte mir vorstellen, den Lauf mit einer Zeit unter neun Stunden zu beenden. Am Samstagabend verschwanden alle sehr frühzeitig im Bett. Ich denke, dass jeder meiner Kameraden, genauso wie ich, in dieser Nacht die Strecke mehrfach vom Start bis zum Ziel bewältigt hat und von einer guten Nachtruhe keine Rede sein konnte.
 
Der Vasalauftag begann
 

Sonntagmorgen, 3,30 Uhr, die Wecker schrillten. Jeder war danach mehr oder weniger mit sich selbst beschäftigt und bereitete sich auf seine Weise vor. Es wurde nicht sehr viel gesprochen an diesem Morgen. Kurz nach vier Uhr ging es aus dem Haus. Geplant war, einen der ersten Busse, die zum Startplatz in Berga fuhren, zu ergattern. Es war schon gespenstisch, wie viele Menschen zu dieser frühen Stunde unterwegs waren. Walter hatte wieder alles im Griff. Er konnte nun wirklich nichts dafür, das unser Bus alle Steigungen nur mit Hängen und Würgen schaffte und manchmal, fast stehend, von allem, was zum Start wollte, überholt wurde. Aber dennoch haben wir Berga rechtzeitig erreicht und jeder war von diesem Zeitpunkt an alleine auf sich gestellt. Ich kann dieses Gefühl nicht beschreiben, das mich von da an in seinen Bann zog.
Eine Riesen Menschenmenge mit Langlaufskiern sammelte sich auf einem großem Plateau an. Hubschrauber kreisten tief über unseren Köpfen und aus Lautsprechern erklang Musik, zu deren Rhythmus sich mit Gymnastik warm gehalten wurde. Die Atmosphäre war imposant und die Nervosität bei mir nicht mehr zu überbieten.

 
Es ging los
 
Punkt acht Uhr kam das lang ersehnte Startzeichen und die Menschenmenge setzte sich langsam in Bewegung. Meine Kameraden hatten mich über die besonderen Umstände der ersten Kilometer hinreichend aufgeklärt. Es war tatsächlich so, dass man kaum vorwärts kam und man sehr stark damit beschäftigt war, darauf zu achten, dass Ski und Stöcke heil blieben. Für die ersten 3 km habe ich genau 49 Minuten gebraucht, das lag im Bereich des Erwarteten.. Dann aber ging es los. Auf einmal hatte ich das Gefühl, von jemand angetrieben zu werden. Ich bekam regelrecht Flügel. An allen Verpflegungsstellen habe ich kräftig zugelangt und jedes Mal drei bis vier Getränke zu mir genommen. Ungefähr bei Kilometer 50 spürte ich, dass ich eine Zeit unter acht Stunden schaffen könnte, wenn denn alles so optimal weiterlaufen würde. Das gab Auftrieb. Die Strecke war verdammt gut und schnell, ganz besonders einige Abfahrten, die ich ungebremst anging und bei denen ich zweimal in Stürze verwickelt war. Ich hatte wirklich einen guten Tag erwischt und konnte mein Tempo fast bis zum Schluss halten. Ein unbeschreibliches Gefühl beschlich mich, als ich den letzten Kilometer anging. Auf der Zielgeraden habe ich jeden Meter genossen und bin mit dem Blick auf die Uhr langsam über die Ziellinie gelaufen. Es war geschafft! Die Uhr zeigte 7 Stunden, 39 Minuten und 5 Sekunden an. Ich fühlte mich in diesem Augenblick so, als sei ich Weltmeister oder Olympiasieger geworden. Dieses Erlebnis kann mir keiner mehr nehmen. Es wird mich mein Leben lang begleiten. Ein Traum ging in Erfüllung.
 
Dank an die Sportkameraden
 

Ich habe dies aber nur deshalb geschafft, weil ich im Ski Klub Düsseldorf Menschen gefunden habe, die wahre Sportkameraden sind. In unserer Gruppe stimmte einfach alles. Es war so, als würde man sich ewig kennen. Dafür möchte ich meinen Kameraden, insbesondere Walter und Björn, herzlich danken.

Günter Schneider